„Wir dürfen also von einer gegenwärtig hereinbrechenden Katastrophe sprechen, welche die Welt unbewohnbar macht, uns aus der Wohnung herausreisst und in Gefahren stürzt. Dasselbe lässt sich jedoch optimistischer sagen: Wir haben zehntausend Jahre lang gesessen, (...) aber jetzt haben wir die Strafe abgesessen und werden ins Freie entlassen. Das ist die Katastrophe: dass wir jetzt frei sein müssen. Und das ist auch die Erklärung für das aufkommende Interesse am Nomadentum.“
Vilem Flusser

“Institut für Nomadologie” (InNo)
Das InNo versteht sich als Netzwerk und Forschungsgemeinschaft freier WissenschaftlerInnen aus den Themenfeldern Kunst, Memetik, Kulturwissenschaft, Politik, Migration und Futurologie.
Das Ziel des InNo ist, Lebensformen des Menschen im 21. Jahrhunderts theoretisch zu skizzieren und praktisch zu erproben.
Die Vision des InNo ist eine Welt der bewegten und amorphen Räume und Körper, der permaneten Grenzübertretung und der Überwindung der Standpunkte.
Das InNo diskutiert Aspekte der Bewegungslehre von der nomadischen Protestkultur über die Freiheit der Migranten bis zur Schaffung und Erhaltung von städtischen Freiräumen.

Gründungskongress des Instituts für Nomadologie:
Aspekte der Bewegungslehre (vom 19. - 21. 09. 2003 )
Vom 19. bis 21. September findet in Berlin der Gründungskongress des Instituts für Nomadologie statt. Die C-Base in der Rungestrasse, das Relais am Monbijou-Park und eine Raumstation unterhalb der Mitte Berlins: hier werden die Grundbegriffe der Nomadologie von bis zu 100 TeilnehmerInnen diskutiert werden. Eingeladen sind 15 vortragende und vorzeigende WissenschaftlerInnen, Kulturschaffende und PolitaktivistInnen. Sie kämpfen für die Rechte von MigrantInnen, sie schaffen Raum in der Stadt, sie verführen zur ungewöhnlichen Bewegung der Körper und der Köpfe.
Der Kongress gliedert sich in fünf thematische Schwerpunkte.
Nomadologie: Hier werden Reflexionen des Begriffs des Nomadischen bei Vilem Flusser, Gilles Deleuze und Felix Guattari in Bezug zur aktuellen Diskussion um Migration, Globalisierung(-skritik), Reisen und Räume gesetzt.
Transnationale (T)Räume: Politische Geographien. Was passiert mit Grenzen, wenn man sich ihnen nähert? Von der Freiheit des Migranten, die auf der Strecke bleibt. Vertreibung als Chance ? Wer marginalisiert hier wen und warum? Some positive aspects of negative thinking.
Nomadisches Leben: Wer war eigentlich Dschingis Khan und was hat er mit der Reichautobahn zu tun? Was machen die Nomaden der Sahara, wenn sie nicht mit Joschka Fischer verhandeln ? Und was treibt britische Soundsystems, globale PolitaktivistInnen und andere sesshafte Bürgerkinder “on the road” ?
Nomadische Urbanität: Menschen, die in Wagenburgen leben, ArchitektInnen, die das super finden, reclaim the street und die Nutzung des Zwischenraums im Lattenzaun, eben poetische Geographie und meine kleine wireless local area network Welt.
Praxis Nomadologie: Strassenkunst und Feuersbrunst, eine Karawane nach Senegal, Dieselmotoren, die an Frittenbuden tanken. Hier lernt und lehrt der neue Nomade die Bekämpfung von Geldmangel und Langeweile.
Am Abend des 21. Septembers schließt der Kongress mit einem Filmabend der Bewegenden Bilder nomadischer Kulturen ab.

Programm:
Freitag 19.09.03 / Samstag 20.09.03 / Sonntag 21.09.03

Aufruf zur Unterstützung
Das Institut für Nomadologie verfügt über keine akademisch-sesshafte Verankerung. Das ist auch nicht vorgesehen. Wir bewegen uns in der (im strengen nomadischen Sinne: ewigen) Gründungsphase. Unser erstes Projekt nach dem Gründungkongress ist die Teilnahme an der Boundaries_to_Bridges Tour, einer KünstlerInnenkarawane für die Überwindung der „Festung Europa“ von Almeria in Südspanien nach St. Louis in Senegal. Nähere Infos finden sich auf der Webseite.
Im Rahmen des Kongresses soll neben der breiten und öffentlichkeitswirksamen Debatte um verschiedene Aspekte der Bewegungslehre auch sehr konkret über die Tour, die avisierten Projekte sowie über die Situation in den durchfahrenden Ländern insbesondere im Hinblick auf die Migrationspolitik geredet werden. Als Institution des Lehrens und Lernens wird das InNo auf der Karawane empirisches Material für die weitere Forschung um europäische und nationale Grenzregime und deren nomadische Unterwanderung sammeln, Veranstaltungen organisieren und Workshops anbieten.
Das Projekt des Instituts bewegt sich im prekären Grenzraum politischer und künstlerischer Aktion und Reflexion. Das Schaffen neuer Räume ist ein ästhetischer und konstitutiver Akt der Multitude und unser Anspruch.
Für die Durchführung des Kongresses und der Karawane rufen wir zur Mitarbeit, Unterstützung und kritischen Begleitung auf.