Vilem Flusser: Von der Freiheit des Migranten. 1994.

Die Abfahrt...
...ist Befreiung aus der Gewohnheit, und der Entschluss zur Abfahrt ist das Ergreifen einer grundlegenden Freiheit: der der Bewegung. Ohne sie würde es nicht mehr lohnen zu leben...

Freiheit:
Ich wurde vom Schwindel der Freiheit erfasst, der sich darin zeigt, dass sich die Frage ?frei wovon?? in die Frage ?frei wozu?? verkehrt. Und so sind wir alle Migranten: Wesen die vom Schwindel ergriffen sind.

Ich wurde in meine erste Heimat durch meine Geburt geworfen, ohne befragt worden zu sein, ob mir dies zusagt. Die Fesseln, die mich dort an meine Mitmenschen gebunden haben, sind mir zum grossen Teil angelegt worden. In meiner jetzt errungenen Freiheit bin ich es selbst, der seine Bindungen zu seinen Mitmenschen spinnt, und zwar in Zusammenarbeit mit ihnen. Die Verantwortung, die ich für meine Mitmenschen trage, ist mir nicht auferlegt worden, sonden ich habe sie selbst übernommen. Ich bin nicht, wie der Zurückgebliebene, in geheimnisvoller Verkettung mit meinen Mitmenschen, sondern in frei gewählter Verbindung. Und diese Verbindung ist nicht etwa weniger emotional und sentimental geladen als die Verkettung, sondern ebenso stark, nur eben freier.

Und so erkannte ich, was den Patriotismus (sei er lokal oder national) so verheerend macht: dass er aufgelegte menschliche Bindungen heiligt und daher die frei auf sich genommenen hintanstellt; dass er die Familienverwandtschaft über die Wahlverwandtschaft stellt, die echt oder ideologische biologische über Freundschaft und Liebe. Ein Freiheitstaumel erfasste mich: Ich war frei, mir meine Nächsten zu wählen.

...und ich erkannte, was ich aufgegeben hatte, als ich mich in Brasilien engagierte – nämlich die Freiheit von geographischer Bindung. Es begannen in mir Zweifel zu entstehen, ob in der gegenwärtigen informatischen Revolution nicht jede geographische Verbundenheit reaktionär ist; ob man den Vorteil, keine Heimat zu haben, aufgeben sollte.

Das neue Nomadentum:
Der Wind hat sich nicht nur um uns herum orkanartig erhoben und unsere Dörfer hinweg gefegt, er hat sich auch gewaltig in uns selbst erhoben, so sehr, dass wir ihn als das Prinzip der Welt und unseres Lebens erfahren haben. Die Welt um uns herum ist zu einer unbewohnbaren Wüste geworden, in welcher der Wind der Zufalls notwendigerweise Dünen häuft. Wir selbst wollen diesen Zufall, und wir häufen Dünen, um uns selbst dabei zu raffen. Wir sind Nomaden geworden.

Wir dürfen also von einer gegenwärtig einbrechenden Katastrophe sprechen, welche die Welt unbewohnbar macht, uns aus der Wohnung herausreisst und in Gefahren stürzt. Dasselbe lässt sich jedoch optimistischer sagen. Wir haben zehntausend Jahre lang gesessen, vielleicht als Strafe für eine Sünde, die wir bei Übergang aus dem Paläolithikum ins Neolithikum begangen haben. Das Paläolithikum mit seinen unzähligen leicht erjagbaren Grasfressern und seinen üppigen Beeren und Pilzen war das Paradies und die Erbsünde bestand vielleicht darin, dass wir uns hingesetzt haben. Aber jetzt haben wir die Strafe abgesessen und werden ins Freie entlassen. Das ist die Katastrophe: dass wir jetzt frei sein müssen. Und das ist auch die Erklärung für das aufkommende Interesse am Nomadentum.

Laut Aristoteles begannen die Leute immer wieder aus dem Ent-Setzen heraus zu philosophieren. Und da sich die Leute nur selten selbst ent-setzen, ist Vertreibung eine gute Methode, Mensch im vollen Sinn dieses Wortes zu werden.
Daher ist vielleicht das Folgende zu sagen: Die Vertriebenen, so wie sie gelegentlich auf unseren Fernsehschirmen ersichtlich sind, führen uns vor Augen, was zu sein wir eigentlich trachten müssten.

Vertriebene sind Entwurzelte, die alles um sich herum zu entwurzeln versuchen, um Wurzeln schlagen zu können. Und zwar tun sie das spontan, einfach weil sie vertrieben wurden. Es geht dabei um einen gleichsam vegetabilischen Vorgang. Den man vielleicht beobachten kann, wenn man versucht, Bäume umzupflanzen. Es kann jedoch geschehen, dass sich der Vertriebene dieses vegetabilischen, vegetativen Aspekts seines Exils bewusst wird. Dass er entdeckt, dass der Mensch kein Baum ist. Und dass vielleicht die menschliche Würde eben darin besteht, keine Wurzeln zu haben. Dass der Mensch erst eigentlich Mensch wird, wenn er die ihn bindenden Wurzeln abhackt.

Aber das ist nicht das Entscheidende an der Entdeckung, dass wir keine Bäume sind: dass Wurzellose Geschichte machen. Sondern das Entscheidende daran ist, zu entdecken, wie mühsam es ist, keine neuen Wurzeln zu schlagen. Die Gewohnheit ist nämlich nicht nur eine Wattedecke, welche alles zudeckt. Sondern sie ist auch ein Schlammbad, in dem es hübsch ist zu wühlen. Ubi bene, ibi patria. Die Entdeckung, dass wir keine Bäume sind, verlangt vom Vertriebenen, den Lockungen des Schlamms immer wieder zu widerstehen. Vertrieben zu bleiben, und das heisst: sich immer erneut vertreiben zu lassen.

Sein [des Heimatlosen] Problem lautet: Wie kann ich die Vorurteile überwinden, die in den von mir mitgeschleppten Geheimnisbrocken schlummern, und wie kann ich dann durch die Vorurteile meiner im Geheimnis verankerten Mitmenschen brechen, um gemeinsam mit ihnen aus dem Hässlichen Schönes herstellen zu können? In diesem Sinne ist jeder Heimatlose, zumindest potentiell, das wache Bewusstsein aller Beheimateten und ein Vorbote der Zukunft. Und so meine ich, wir Migranten haben diese Funktion als Beruf und Berufung auf uns zu nehmen.

Heimat, Wohnung und das neue Haus:
Man hält die Heimat für den relativ permanenten, die Wohnung für den auswechselbaren, übersiedelbaren Standort. Das Gegenteil ist richtig: Man kann die Heimat auswechseln oder keine haben, aber man muss immer, gleichgültig wo, wohnen. Die Pariser Clochards wohnen unter Brücken, die Zigeuner in Karawanen, die brasilianischen Landarbeiter in Hütten, und so entsetzlich es klingen mag, man wohnte in Ausschwitz. Denn ohne Wohnung kommt man buchstäblich um. Dieses Umkommen lässt sich auf verschiedene Weise formulieren, aber die am wenigsten emotional geladene ist diese: Ohne Wohnung , ohne Schutz von Gewöhnlichem und Gewohntem ist alles, was ankommt, Geräusch, nichts ist Information, und in einer informationslosen Welt, im Chaos, kann man weder fühlen noch denken noch handeln.

So hat das neue Haus auszusehen: wie ein Krümmung im zwischenmenschlichen Feld, wohin Beziehungen ?angezogen? werden. So ein attraktives Haus hätte diese Beziehungen einzusammeln, sie zu Informationen zu prozessieren, diese zu lagern und weiterzugeben. Ein schöpferisches Haus als Knoten des zwischenmenschlichen Netzes.
So ein Häuserbau wäre ein gefährliches Abenteuer. Weniger gefährlich jedoch als das Verharren in den gegenwärtigen Häuserruinen. Das Erdbeben, dessen Zeugen wir sind, zwingt uns, das Abenteuer zu wagen. Sollte es gelingen (und das ist nicht ausgeschlossen), dann würden wir wieder wohnen können. Geräusche in Informationen prozessieren können, etwas erfahren können. Sollten wir das Abenteuer nicht wagen, dann sind wir für alle ersichtliche Zukunft verurteilt, zwischen vier durchlöcherten Wänden unter einem durchlöcherten Dach vor Fernsehschirmen zu hocken oder im Auto erfahrungslos durch die Gegend zu irren.